Doch in Wirklichkeit bleibt Energie knapp
Die Sehnsucht nach einer nie versiegenden Kraft ist so alt wie die Menschheit. Als Inbegriff für stete Energie gilt die Sonne, die seit vorgeschichtlicher Zeit wegen ihres lebenspendenden Lichtes und ihrer Wärme verehrt wird. Heute sehen wir unser Zentralgestirn zwar nüchterner als die Urahnen — aber keineswegs emotionsfrei. Einerseits streben wir nach einem Platz an der Sonne — auf dessen Suche ziehen alljährlich riesige Urlauber-Karawanen gen Süden. Andererseits droht uns Umweltfrevlern die Rache der Natur, wenn Sonnenstrahlung die abgasumhüllte Erde aufheizt wie ein Treibhaus.
Gibt es einen einfachen Ausweg aus dem Energieund Umweltdilemma? Es laingt wie eine Patentlösung, was uns jubelnde Fusionsforscher aus dem europäischen JET-Laboratorium in Culham empfehlen: die Zähmung und Nutzung des Sonnenfeuers hier auf der Erde, die kontrollierte Kernfusion.
Bei der Entwicklung dieser Technik, so wird gemeldet, sei den Wissenschaftlern dort ein entscheidender Durchbruch gelungen und damit die weltweite Führung der europäischen Forschung erwiesen. Die Kernfusion werde „der Menschheit eine neue Energiequelle erschließen mit nahezu grenzenlosen Brennstoffreserven und minimalen Auswirkungen auf die Umwelt”, heißt es. Im Gegensatz zu den fossilen Energieträgern verursache die Kernfusion keine Luftverschmutzung durch Treibhausgase.
Können wir also Energieund Klimasorgen vergessen, weil uns in absehbarer Zeit eine nie versiegende, umweltfreundliche Kraft zur Verfügung steht?
Mit Sicherheit nicht. Alle Fachleute betonen, daß mit einer wirtschaftlichen Stromproduktion aus Fusionsreaktoren allenfalls in fünfzig Jahren zu rechnen ist. Bis dahin sind die Prognostiker längst im Ruhestand, und der ernüchternde Befund könnte lauten, daß jahrzehntelange, sehr kostspielige Forschungsanstrengungen nicht umsonst, aber vergeblich waren. Denn die Verschmelzung von leichten Atomkernen, wie sie in der Sonne oder explosionsartig in der Wasserstoffbombe abläuft, ist technisch wesentlich schwieriger in kontrollierte Bahnen zu lenken als die Kernspaltung in konventionellen Atomkraftwerken, die ihre Energie aus dem Zerfall extrem schwerer Kerne wie des Urans oder des Plutoniums beziehen.
Seit rund dreißig Jahren schon versuchen die Fusionsforscher, das Sonnenfeuer in ausgeklügelten Reaktoren zu zünden, doch es verlöscht ihnen stets innerhalb weniger Sekunden. Weil die leichten Atomkerne wegen ihrer gleichen elektrischen Ladung einander sehr heftig abstoßen, liegt die Temperatur, bei der sie „verbacken”, um astronomische 200 Millionen Grad. Da eine solche Glut jedes übliche Material schlagartig verdampfen ließe, muß sie von Magnetfeldern kunstvoll zusammengepreßt werden. Diese Felder aber sind mehrere zehntausendmal stärker als das Magnetfeld der Erde.
Bei den drei kritischen Größen, nämlich der Temperatur, dem magnetischen Druck und der Zeit, für die sich die Glut aufrechterhalten läßt, haben die europäischen Forscher in den letzten zwanzig Jahren eine mehr als 25 OOOfache Steigerung erzielen können — ein höchst respektabler Erfolg. Doch trotz technischer Spitzenleistung ist in dem gefeierten JET-Experiment bei weitem noch nicht der kritische Punkt erreicht worden, wo mehr Energie aus der Kernverschmelzung freigesetzt wird, als von außen in die Heizung der Glut hineingesteckt werden muß.
Zur wirklichen Energiequelle wird die kontrollierte Kernfusion erst, wenn man eine radioaktive Form des Wasserstoffs, nämlich Tritium, als Brennstoff einsetzt. Dessen Atomkerne verschmelzen viel leichter als gewöhnlicher Wasserstoff. Aber weil der massive Einsatz von strahlendem Tritium auch den Fusionsreaktor radioaktiv macht und das Arbeiten enorm erschwert, hatten die Forscher bisher auf dessen Gebrauch verzichtet. Im neuesten JET-Experiment wurde erstmals in kleinen Mengen (etwas mehr als zehn Prozent des Brennstoffs) Tritium eingesetzt. Wie seit Jahrzehnten theoretisch erwartet, verlief der Fusionsprozeß dann auch praktisch besser als üblich — deshalb der Jubel vor den Fernsehkameras.
Genau diese Tatsache jedoch, daß bei einer „echten” Kernfusion in Zukunft vermehrt mit radioaktivem Tritium gearbeitet werden muß, wird die technischen Probleme verschärfen und die Kosten steil in die Höhe treiben. Vor allem aber würde dadurch der Traum von. einer sauberen Energie ohne Entsorgungsprobleme zur Illusion. Schon einmal ist eine Energie-Utopie an der Wirklichkeit zerschellt — bei der herkömmlichen Nutzung der Kernkraft. Noch ist eine Wiederholung keinesfalls ausgeschlossen.
Schon deshalb wäre es verantwortungslos, wollten wir in der vagen Hoffnung auf ein prometheisches Wunderfeuer nun ruhigen Gewissens weiter Energie verschwenden. Alle Forschungspläne bleiben unglaubwürdig, wenn nicht zugleich ernsthaft die ergiebigste und umweltfreundlichste Quelle erschlossen wird: das Energiesparen. Alle Industriestaaten, vor allem die Vereinigten Staaten und die Gliedstaaten der ehemaligen Sowjetunion, haben auf diesem Gebiet einen gewaltigen Nachholbedarf.
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